Interview

Pictet war in der Pandemie keine Ausnahme. Die Privatbank überraschte sich selbst mit dem schnellen Wechsel in die digitale Welt, kann ihre Kunden aber weniger eng betreuen als gewohnt. Zumindest beinahe die grössere Herausforderung als Banking aus dem Home Office scheint aber das Zinsumfeld zu sein.

Renaud de Planta, Senior-Teilhaber der Pictet-Gruppe

Herr de Planta, wie empfinden Sie im Moment die Stimmung der Kunden?

Insgesamt sind unsere Kunden im Moment sehr glücklich, weil die Performance relativ zu dem, was gesamtwirtschaftlich abläuft, ausserordentlich gut ist. Was uns und die Kunden etwas frustriert, ist, dass wir uns in den meisten Fällen nicht physisch treffen können. Vor einem Jahr waren wir noch überrascht, wie gut es funktioniert, aber auf Dauer ist die Qualität der Beziehung ist nicht vergleichbar.

Hängt die Zufriedenheit der Kunden nur an der Performance?

Nicht nur, aber sie ist immer wichtiger geworden. Etwa die Hälfte unserer Kunden sind Privatkunden, die andere sind Institutionelle. Und insbesondere für die ist die Performance das A und O.

Wie stark unterscheiden sich Ihre Privat- von institutionellen Kunden?

Die Bedürfnisse sind anders. Aber es herrscht nicht mehr die grosse Kluft, die es früher gab. Da gibt es eine gewisse Konvergenz. Vor dreissig Jahren war der Privatkunde eher auf Werterhalt angewiesen, suchte Sicherheit und sonstige Aspekte. Heute stehen die Performance und die Breite des Angebots im Vordergrund.

Macht angesichts dessen die Trennung zwischen Asset Management und Private Banking noch Sinn?

Ja, die macht sehr viel Sinn, und es gibt sie bei uns schon längst. Juristisch, operationell, technologisch, im Research ebenso wie im Portfolio Management und in der Kundenbetreuung. Trotz der Konvergenz der Bedürfnisse herrscht eine fundamental andere Einstellung zum Verhältnis von Risiko und Ertrag. Institutionelle legen mehr Wert auf die Performance im Verhältnis zu einer Benchmark, während der Privatkunde absolut gesehen Rendite erwartet. Die Profis legen zudem mehr Wert auf die Anlagephilosophie, den Prozess. In der Betreuung muss man das berücksichtigen. Banken, die das vermischen, kommen kaum zum Erfolg.

Wie stellen Sie sicher, dass Pictet-Produkte intern nicht bevorzugt werden?

Dafür haben wir im Wealth Management ein Fondsresearch-Team, das seit vielen Jahren mit völlig offener Architektur arbeitet. Interne Kunden aus dem Wealth Management machen nicht einmal 10% des Geschäftsvolumens im Asset Management aus. Eigentlich könnten beide Teile des Geschäfts allein bestehen. Und das ist gut so.

Wie finden Sie die Reichen von morgen? Ist es eine Option, auch Kunden aus dem schnell wachsenden Affluent-Segment zu betreuen?

Wir konzentrieren uns auf Kunden ab dem oberen High-Net-Worth-Bereich. Unser Serviceangebot macht erst ab einer gewissen Portfoliogrösse Sinn. Es wäre problematisch, zu viele Segmente bedienen zu wollen. Wir können nicht alles für alle sein, schliesslich sind wir weltweit betrachtet ein kleines Institut.

Auch bei den oberen Kundensegmenten wird Digitalisierung wichtiger. Wie wirkt sich das aus?

Unsere Kunden sind tendenziell weniger an Zahlungsverkehr interessiert. Sie haben ihre Anliegen eher im Bereich Reporting, und sie erwarten einen Top-Notch- Zugang zu Online-Empfehlungen. Da investieren wir. Ebenso in Data Science, wo wir unsere Laborexperimente intensiviert haben. Das zahlt sich in der Pandemie aus, denn besonders da brauchen Sie Hochfrequenzdaten, um zu spüren, wie sich die Konjunktur entwickelt.

Ein Effekt der Pandemie waren weltweit tiefere Zinsen. Wie gehen Sie damit um?

Das beschäftigt uns sehr. Für die Kunden muss man die strategische Asset Allocation überdenken. Das klassische Portfolio mit 40 bis 60% Festverzinslichen funktioniert nicht mehr. Man muss es neu definieren, und das führt je nachdem zu radikalen Umschichtungen. Man muss in Kauf nehmen, dass man für die gleiche Renditeerwartung mehr Risiko eingehen muss. Das ist das Resultat der finanziellen Repression.

Was für langfristige Auswirkungen erwarten Sie?

Was uns beschäftigt, ist die Marktsituation. Die inflationäre Geldpolitik und damit verbunden die Gefahr der Finanzmarktinstabilität sowie die zunehmende Wahrscheinlichkeit einer schärferen Besteuerung von Unternehmen und Privatpersonen.

Wird es in absehbarer Zeit zu einem Crash kommen?

Die Frage ist, wie schnell sich die Geldpolitik ändert. Es ist zu hoffen, dass das schrittweise und jeweils mit Ankündigung geschieht. Aber wenn die Inflation sich akzentuiert, wird auch der politische Druck ein anderer sein als heute. Am besten würden die Zentralbanken schon jetzt beginnen, Zinserhöhungen in Aussicht zu stellen. Es wäre besser, wenn alle Zentralbanken gleichzeitig die Zinsen um 0,5 Prozentpunkte erhöhen würden. Das würde der Wirtschaft nicht schaden und die Gefahr von Blasen dämpfen. Aber wir sind strukturell in einem Abwertungswettlauf. Niemand will der Erste sein.

Wie stark treffen die Negativzinsen Pictet?

Wir haben einen Nachteil, weil die Ausgestaltung der Negativzinsen in der Schweiz konservativ geführte Banken wie Pictet bestraft. Wir haben viel Liquidität und eine hohe Eigenkapitalquote. Dafür werden wir bestraft. Es tangiert uns sehr, es ist nicht erfreulich, und wir hoffen, es kommt bald zu einem Ende.

Das ist ein Nachteil als Schweizer Privatbank. Funktioniert das Modell grundsätzlich noch?

Ja. Es ist eine Frage der richtigen Strategie und der Umsetzung. Die Zeiten, wo jede Bank jedes Segment verfolgen konnte, sind vorbei. Die Regeln im Transparenzund im Steuerbereich zwingen zu Fokus. Swissness hat in den letzten Monaten gewonnen. Die Finanzmarktinstabilität wird in der Eurozone, in England, Amerika einiges grösser sein. Der Staat hat sich dort stärker verschuldet, und das Finanzsystem ist weniger gesund. Die Kunden sind nicht dumm. Sie wissen genau, was auf sie zukommt. Die Schweiz hat per saldo die Wirtschaft weniger gebremst, liberaler gehandelt. Das stärkt auch das Image des Swiss Banking und Asset Management. Das sagen uns übrigens auch die Kunden, nicht nur in Europa, auch in Asien.

Gerade in Asien dürfte die Geopolitik auch eine Rolle spielen. Wie spüren Sie den Konflikt zwischen den USA und China?

Das Interesse, mit einer Schweizer Bank Geschäfte zu machen, nimmt zu. Nach all den Krisen des Bankenplatzes seit 2008, mit der Instabilität einer Grossbank, dem Ende des Bankgeheimnisses, kommen wir jetzt in eine Phase, wo Swiss Finance den historisch starken Ruf zurückgewinnt.

Obwohl die Altlasten noch nicht ganz beseitigt sind?

Pictet ist die letzte Schweizer Bank, die die Steuerfrage mit den USA noch nicht geregelt hat. Wir stehen mit den US-Behörden in Kontakt. Mehr kann ich Ihnen dazu leider nicht sagen.

Wie definieren Sie langfristigen Erfolg für Pictet?

Dann, wenn wir von unseren Kunden als die Besten angeschaut werden. Dazu gehört die Performance, aber auch, ein guter Arbeitgeber zu sein. Wir wollen insgesamt auch mehr soziale Verantwortung übernehmen. Wenn wir all das schaffen, dann haben wir den Wettbewerb gewonnen.

©Jeffrey Vögeli/Finanz und Wirtschaft, 31. März 2021