Interview

Elif Aktuğ ist seit September 2021 Teilhaberin der Pictet-Gruppe.

Elif Aktuğs Weg in die oberste Liga des Schweizer Bankenplatzes begann 2010, mit einem weissen Blatt Papier und einer Analyse. Die Wertschriftenhändlerin bei der Bank Goldman Sachs und ihr Mann, damals Managementberater, wollten London verlassen. Zum einen gab es der jungen Familie dort zu viele Helikopter-Eltern. Goldman hatte zudem im Nachgang der Finanzkrise den Eigenhandel beschneiden müssen. Aktuğ, die sich um das Buch mit europäischen Aktien gekümmert hatte, fragte sich, wo sie ihre Talente am besten einbringen könnte.

Alle Weltstädte, von Istanbul über São Paulo bis Sydney, landeten in ihrem Koordinatensystem: Auf der x-Achse wurden die beruflichen Vorzüge abgebildet, auf der y-Achse die Lebensqualität. „Genf kam oben rechts zu liegen“, sagt sie. Es traf sich, dass Pictet in Genf auf der Suche nach Fondsmanagern war.

Elif Aktuğ baute für die Privatbank fortan den Hedge-Fund Agora auf, der sich auf Aktien europäischer Grossfirmen spezialisiert und dabei möglichst nicht mit den Aktienmärkten korrelieren soll. Als Aktuğ Anfang September 2021 die Kontrolle über den Fonds abgab, umfasste dieser 2,5 Milliarden Euro an Vermögen.

„Meine Rolle hat sich zwar stark verändert, ich schaue nicht mehr jede Minute auf mein Bloomberg-Terminal.“

Elif Aktuğ Geschäftsführende Teilhaberin, Pictet-Gruppe

Ein Job fast für die Ewigkeit

Ihre Analysen haben die 47-jährige Türkin weit gebracht. Aktuğ wurde 2021 als erste Frau in der 217-jährigen Geschichte von Pictet zur Teilhaberin gemacht. Dabei handelt es sich um einen der wohl begehrtesten Spitzenjobs in der Schweizer Finanzwelt – man wird Teil des Mythos Pictet: Die Teilhaber der Bank bleiben im Schnitt etwa 20 Jahre im Gremium, ihnen gehört die in vielerlei Hinsicht grösste Privatbank des Landes.

Als derzeit achtköpfige Kollegialregierung tragen sie die Verantwortung für über 5000 Mitarbeiter, für verwaltete Vermögen von rund 700 Milliarden Franken und für die Verteilung des Jahresgewinns, der bei Pictet zuletzt die Milliardengrenze überschritt. Die Teilhaber haften seit 2014 zwar nicht mehr unbeschränkt solidarisch mit ihrem persönlichen Vermögen gegenüber Kunden, tragen aber weiterhin mehr Verantwortung als normale Aktionäre einer Publikumsgesellschaft. Die Partner haben ihren Anteil an der Bank zudem für einen hohen Betrag erworben, den sie zunächst einmal verdienen müssen. Jedem und jeder kommt eine Stimme zu, und alle acht prägen den Kurs der Bank entsprechend.

„Meine Rolle hat sich zwar stark verändert“, sagt Aktuğ, „ich schaue nicht mehr jede Minute auf mein Bloomberg-Terminal.“ Aber die wichtigsten Qualitäten ihres früheren Jobs würden ihr noch heute helfen: zuhören, die richtigen Fragen stellen, entscheiden unter Unsicherheit.

Asset-Management, die Vermögensverwaltung für institutionelle Kunden, gilt als Domäne von „number crunchers“ und Kopfmenschen; und das trifft auch auf Aktuğ zu. Als Händlerin und später als Fondsmanagerin musste sie in Sekunden neue Informationen verwerten und millionenschwere Entscheide fällen. Tag für Tag.

Doch der Schlüssel für Aktuğs Erfolg liegt wohl auch in ihrer Menschenkenntnis und in ihren Führungsqualitäten: Im langfristigen Hedge-Funds-Geschäft zeigt sich erst nach Jahren, ob eine Strategie erfolgreich ist. Die Teams erhalten zwangsläufig einen enormen Vertrauensvorschuss. Bis dahin müssen Chefs wie Aktuğ ihre Mitarbeiter an deren Teamfähigkeit und Arbeitseinstellung messen. Starallüren schadeten da mehr, als sie nützten, sagt sie. Entsprechend stellte sie ihr fünfköpfiges Agora-Team zusammen: „Ich suchte nicht bloss individuell gute Anlageexperten. Ich suchte Leute mit starken Überzeugungen, die dennoch ihre Meinung ändern können, wenn jemand ein besseres Gegenargument bringt.“

Aktuğ ist eine aufmerksame Zuhörerin – sie greift in der Konversation regelmässig Aussagen auf, die das Gegenüber beiläufig und zu Beginn des Gesprächs gemacht hat. In der Bankenwelt, wo manche lieber sich selbst als andere reden hören, ist diese Fähigkeit nicht sehr verbreitet.

Für Pictet entschied sie sich 2010 auch deshalb, weil sie glaubte, dass die Bankführung ihre langfristige Perspektive teilen und nicht bei den ersten Marktturbulenzen die Notbremse ziehen würde. „Pictet hat viele Parallelen zu Goldman Sachs, vor allem aus deren Zeit vor dem Börsengang“, sagt Aktuğ. Die Mitarbeiter seien loyal, die Kultur meritokratisch. Dazu komme der „One firm“-Ansatz: Die Wege seien kurz, die Teams tauschten sich aus, statt sich in Rivalitäten aufzureiben.

Die Chemie muss stimmen

Wie die bisherigen Pictet-Teilhaber Aktuğ auswählten, sagt einiges über die Genfer Bank aus. Ein Bewerbungsgespräch habe es nicht gegeben, sagt sie. Aktuğ war vor ihrer Wahl zwar schon eine von rund 50 „Equity Partners“ gewesen: Diese bilden die zweite Führungsebene nach den Teilhabern, sind auch am Erfolg von Pictet beteiligt und insofern der natürliche Kandidatenpool fürs oberste Gremium.

Doch sie sei auf ihre tägliche Arbeit fokussiert gewesen und habe mit der Anfrage nicht gerechnet, sagt Aktuğ. Erst rückblickend sei ihr aufgegangen, dass das eine oder andere Gespräch mit einem Teilhaber wohl im Zusammenhang mit ihrer Wahl stand. Ohne dass es ihr bewusst war, hatte sie ihr Dossier bereits abgegeben – indem sie in den vorangegangenen 10 Jahren gute Arbeit geliefert hatte. Die Hürde war dennoch hoch. Die Teilhaber achten bei der Auswahl sehr auf die kulturelle Passform, müssen sie doch über Jahrzehnte mit dem oder der Neuen zusammenarbeiten.

Diesmal dürften sie besonders genau evaluiert haben, weil sie keine Experimente eingehen wollten. Kurz nachdem Elif Aktuğ im Juni 2021 ins Gremium aufgenommen worden war, verliess ein anderer Teilhaber, der frühere Julius-Bär-Chef Boris Collardi, Pictet nach nur drei Jahren wieder. Er fand wohl nicht den richtigen Zugang zur Kultur der Genfer. Eine beidseitige Fehleinschätzung und eine beidseitige Enttäuschung.

Aktuğ bezeichnet den frühen Tod ihres Vaters – er starb, als sie 11 Jahre alt war – als Schlüsselmoment in ihrem Leben: „Ich wollte den hohen Erwartungen gerecht werden, die er in mich gesetzt hatte.“ Ihr Vater war Diplomat. Er vertrat die Türkei zunächst in Brasilien und Grossbritannien, dann als Botschafter in Tunesien, Tschechien und Algerien. Entsprechend international wuchs auch Elif Aktuğ auf.

Dank einem Stipendium des französischen Staats konnte sie später an der renommierten Science Po studieren; das Geld für ihren MBA in Stanford musste sie sich selbst erarbeiten. An der kalifornischen Universität lernte sie ihren Mann kennen, der einen ganz anderen Karriereweg einschlug. Der Ingenieur hat nach seiner Zeit bei McKinsey ein Startup aufgebaut, das die Lagerbedingungen von Weinen verfolgbar macht.

Ihre Arbeitseinstellung und die Werte, die sie selbst prägten, möchte Aktuğ auch ihren drei Töchtern vermitteln. „Ich möchte sie dazu ermutigen, dass sie das Beste aus ihren Möglichkeiten machen, ohne sie mit meinen Erwartungen unter Druck zu setzen.“

Eine Bank im Wandel

Elif Aktuğs Aufstieg zur Teilhaberin spiegelt den Wandel der Bank: Pictet mag öffentlich noch immer als familiengeführte, verschwiegene Genfer Privatbank für Ultrareiche wahrgenommen werden. Dabei hat sich das Haus in den letzten 20 Jahren vor allem im Asset-Management stark entwickelt. Das Geschäft mit institutionellen Kunden steuert heute über die Hälfte an Umsatz und Gewinn bei und hat Pictet in mancher Grössenordnung zur Nummer drei auf dem Schweizer Bankenplatz gemacht.

Aktuğs Aufgabe ist es nun, das breite Feld der alternativen oder Privatmarkt-Anlagen voranzutreiben. Darunter werden Firmenanteile, Infrastrukturprojekte oder Schuldscheine verstanden, die nicht an Börsen gehandelt werden und für normale Investoren entsprechend schwer zugänglich sind. Alternative Anlagen haben in den letzten Jahren einen Boom erlebt, auch weil das Tiefzinsumfeld andere Anlageklassen unattraktiv erscheinen liess.

Pictet hatte solche Investitionen bereits vor 30 Jahren „avant la lettre“ getätigt und verwaltet inzwischen über 30 Milliarden Franken in alternativen Anlagen. Die Bank will sich unter Aktuğs Leitung vom Kuchen, der gemäss Branchenstudien weiter wachsen soll, aber ein noch grösseres Stück abschneiden. Einiges verspricht man sich auch davon, den Zugang zur lange etwas sperrigen Anlageklasse zu vereinfachen, die früher selbst „einfachen Millionären“ kaum zugänglich war. Diesen Anspruch haben indes viele formuliert.

Die Konkurrenz in den Privatmärkten abzuschütteln, wird für Pictet kein Selbstläufer werden. Zudem ist die Nachfrage nach dieser Anlageklasse enorm gestiegen. Für alle Anbieter ist es eine Herausforderung, genug Kaufgelegenheiten zu finden für all das Vermögen, das ihnen angeboten wird. Aktuğ sagt, es gehe darum, nicht der grösste, sondern der beste Anbieter zu werden. Ob sie die Ambition umsetzen kann, wird sich, wie bei Agora, erst in vielen Jahren zeigen. Den nächsten Schritt mit einem weissen Blatt Papier und einer sauberen Analyse zu beginnen, ist da sicher nicht verkehrt.

©2022, André Müller, Neue Zürcher Zeitung