Wir wir den Ansprüchen einer neuen Kundengeneration gerecht werden

Die ersten Schritte von Pictet im Bereich nachhaltiger Anlagen, also von Anlagen, die gemäss Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) verwaltet werden, reichen ins Jahr 1999 zurück, als Pictet zusammen mit Ethos einen Fonds für Schweizer Aktien lancierte.

Auf diese Initiative folgten mehrere Strategien zu Umweltthemen, darunter der Fonds Water, und eine Reihe von Best-in-Class-Strategien für europäische Aktien und für Schwellenländeraktien. In diesem Rahmen wurde letztes Jahr der Fonds Pictet Global Sustainable Credit aufgelegt.

„Wir stehen in der Tat an einer Schwelle zur Weitergabe von Vermögen von einer Generation an die nächste. Die neue Generation lebt seit ihrer Schulzeit mit Umweltfragen.“

Eric Borremans Verantwortlicher für ESG bei Pictet Asset Management seit 2013
Eric Borremans, Pictet Asset Management

AGEFI: Welchen der bestehenden Ansätze für nachhaltiges Anlegen bevorzugt Pictet Asset Management?

Eric Borremans: Nachhaltige Entwicklung und verantwortungsbewusstes Anlegen sind Werte, hinter denen alle Teilhaber von Pictet stehen. Historisch hat sich zwar in der institutionellen Vermögensverwaltung am meisten getan, aber diese Themen betreffen bei uns sämtliche Geschäftsbereiche, einschliesslich des Private Banking und der Tätigkeiten als Depotbank oder als Custodian.

Wir sind für unsere Themenanlagen im Umweltbereich bekannt. Diese gehören seit vielen Jahren zu unseren Vorzeigeprodukten und wir halten in diesem Bereich in der Schweiz, aber auch international eine führende Position. Vor Kurzem wurde unser Engagement für nachhaltige Anlagen auf die Gesamtheit unserer Anlagestrategien ausgeweitet. De facto seit fünf Jahren und systematisch seit drei Jahren sind wir nun dabei, dass alle unsere Managementaktivitäten von unserer seit 20 Jahren entwickelten Expertise profitieren, wobei sich diese zunächst auf Umweltmandate und Best-in-class-Verwaltung beschränkte.

„Im Übrigen erkennen die Analysten und Portfoliomanager echten Mehrwert in den ESG-Faktoren, denn so erhalten sie zusätzliche Informationen im Vergleich zur Finanzanalyse.“

Eric Borremans

Heute gehen unsere Bestrebungen immer stärker dahin, dass wir unser ESG-Expertenwissen über diese spezialisierte Verwaltung hinaus teilen. Letztere bleibt selbstverständlich eine wichtige Entwicklungsachse, aber auch die Gesamtheit unserer Verwaltungstätigkeit muss davon profitieren. Mein Team ist im Rahmen eines Programms zur ESG-Integration heute damit betraut sicherzustellen, dass alle unsere Anlagen bei Anleihen wie Aktien systematisch ESG-Faktoren in ihren Anlageprozessen berücksichtigen.

Inwieweit müssen traditionelle Anlagen ESG-Faktoren einbeziehen?

Unser Ziel ist es nicht, alle unsere Fonds in Themen- oder Best-in-Class-Fonds umzuwandeln. Auch ein Autohersteller produziert heute Elektro-, Hybrid- und herkömmliche Autos, die den jeweiligen Kundenwünschen entsprechen. Umweltfonds lassen sich mit Elektroautos vergleichen, Best-in-Class-Fonds mit Hybridfahrzeugen, und vier Fünftel des Fahrzeugparks sind noch herkömmliche Wagen. Aber unsere traditionellen Fonds beziehen ESG immer systematischer und strukturierter in ihre Anlageverfahren ein.

„Wir haben die wichtigsten Indexanbieter dazu aufgerufen, Hersteller von kontroversen Waffen auszuschliessen.“

Eric Borremans

Bestimmte Ansätze wie Ausschlüsse scheinen leichter umzusetzen als andere. Inwieweit müssen Sie solchen Schwierigkeiten Rechnung tragen?

Es gibt gemeinsame Werte, die für das Pictet Asset Management und auch für die ganze Pictet-Gruppe gelten; dies betrifft insbesondere kontroverse Waffen der folgenden fünf Arten: Antipersonenminen, Waffen mit Streumunition, chemische und biologische Waffen sowie Atomwaffen von Ländern, die den Atomsperrvertrag nicht unterzeichnet haben. Daher schliesst die Pictet-Gruppe heute bei allen Anlagen etwa 60 Hersteller von kontroversen Waffen aus.

Hat Pictet nicht sogar eine Initiative bei Indexanbietern weltweit eingeleitet?

Genau. Schon vor fast einem Jahr haben wir die wichtigen Indexanbieter dazu aufgerufen, solche Arten von Unternehmen aus den gängigen Indizes auszuschliessen. Hier ist nicht die Rede von ESG- oder spezialisierten Indizes, die diese Möglichkeit schon von Haus aus vorsehen, sondern von Standardindizes wie dem MSCI World, dem S&P 500 und anderen Marktindizes, die von den meisten Anlegern genutzt werden. Diese Initiative wird heute von Swiss Sustainable Finance koordiniert und hat in der Schweiz und in anderen Ländern schon die Unterstützung von etwa 170 institutionellen Anlegern, die mehr als 9 Billionen Dollar verwalten.

„Auch bei der Best-in-Class-Verwaltung sind die Rückmeldungen bei Aktienfonds positiv, insbesondere bei rückläufigen Märkten dank des defensiven Profils dieser ESG Strategien.“

Eric Borremans

Welche Auswirkungen hat nach Ihrer Erfahrung die Anlagetätigkeit nach ESG-Kriterien auf die finanzielle Performance der Anlagen?

Es kommt ganz auf die Ausrichtung der Verwaltung an. Im Bereich der thematischen Verwaltung und insbesondere bei Umweltthemen, die in Sektoren mit einem doppelt so hohen Wachstum wie die übrige Wirtschaft anlegen, übertreffen die Performancewerte insgesamt die der wichtigen Marktindizes. Bei grünen Strategien liegen Vergleichsdaten heute am längsten vor. Kurzfristig können sie selbstverständlich in gewissen Marktphasen volatiler sein. Aber insgesamt sind die Rückmeldungen zu diesen Strategien überaus positiv. 

Wie sieht es bei den Best-in-Class-Strategien aus?

Auch bei der Best-in-Class-Verwaltung sind die Rückmeldungen bei Aktienfonds positiv, insbesondere bei rückläufigen Märkten dank des defensiven Profils dieser ESG Strategien. Bei Unternehmensanleihen sind die ersten Ergebnisse erfreulich. Allerdings verfügen wir nicht über genug Daten, da diese Strategie erst vor einem Jahr gestartet wurde. 

Und im Bereich der Integration von ESG-Faktoren?

Wenn es um die Umsetzung der Integration der ESG-Faktoren geht, ist die Wirkung auf die Performance schwieriger einschätzbar. Denn der eigentliche Zweck ist es, die ESG-Faktoren vollständig in die Fundamentalanalyse einzubeziehen. Daher lässt sich die Wirkung jedes einzelnen dieser Faktoren in Bezug auf die Elemente der Finanzanalyse nur schwer bestimmen. Denn die beiden Dimensionen sind nicht zu trennen. Im Übrigen erkennen die Analysten und Portfoliomanager echten Mehrwert in den ESG-Faktoren, denn so erhalten sie zusätzliche Informationen im Vergleich zur Finanzanalyse. Dabei sind die ESG-Informationen eher qualitativ ausgerichtet und werden von Finanzanalysten und Ratingagenturen noch nicht so gut abgedeckt. Überdies befinden wir uns noch in einer Lernphase für die Modalitäten dieses Integrationsprozesses: Wie lassen sich diese Faktoren in die Bewertungsmodelle integrieren? usw.

„Die Nachfrage kommt heute sowohl von institutionellen Anlegern als auch vom Private Banking.“

Eric Borremans

Laut einer jüngsten Analyse hat die Schweiz zwar oft eine Vorreiterrolle im Bereich der ESG-Anlagen gespielt, aber hinsichtlich Engagement scheint das Land weniger weit fortgeschritten.

Für das Engagement haben wir vor über einem Jahr klare Abläufe festgelegt. Es wurde schon vorher eingesetzt, aber weniger systematisch. Diese Aktivität erfolgt parallel zur Vermögensverwaltung und wird bei Pictet Asset Management heute von meinem Team koordiniert. Damit soll ein Dialog mit problematischen Unternehmen aufgenommen werden, die wir in unseren Portfolios halten. Diesen Dialog führen wir entweder direkt über Aktionärsvereinigungen oder mit Hilfe spezialisierter Dienstleister. Letztes Jahr wurden über die verschiedenen Kanäle Gespräche mit mehr als 140 Emittenten geführt und in einigen Wochen werden wir unseren ersten Tätigkeitsbericht veröffentlichen.
Das Engagement ist auch interessant, weil es ermöglicht, transversal mit den verschiedenen Investmentteams zu arbeiten, die alle in den gleichen Titel investiert haben. Zumal jedes Investmentteam, wie Sie vielleicht wissen, gern für sich arbeitet. Die Arbeit an Dossiers problematischer Unternehmen, deren Titel von mehreren Investmentteams gehalten werden, ermöglicht es, sich darüber auszutauschen und interessante Einsichten zu sammeln.

Woher kommt in der Schweiz die Nachfrage nach ESG-Investments? Hauptsächlich von Pensionskassen oder eher vom Private Banking?

Die Nachfrage kommt heute sowohl von institutionellen Anlegern als auch vom Private Banking. Unter den institutionellen Anlegern muss man die Stiftungen und insbesondere solche, deren sozialer Zweck mehr oder weniger mit der nachhaltigen Entwicklung und mit humanitären oder Umweltanliegen in Verbindung steht, hervorheben. Solche Anleger haben sehr gezielte Anforderungen. Insgesamt ist auch festzustellen, dass sowohl Versicherungsgesellschaften als auch Pensionskassen ihre Anforderungen immer stärker präzisieren. Zugleich verfeinern auch Beratungsfirmen ihre Ansätze und ihr Dienstleistungsangebot.

„Wir gehen davon aus, dass 80 Prozent der von uns verwalteten Vermögenswerte systematisch die ESG-Kriterien einbeziehen.“

Eric Borremans

Bei den Privatbanken, und wir sind hier keine Ausnahme, ist ebenfalls ein allgemeiner Trend zur Strukturierung des Angebots zu erkennen, das den Erwartungenna einer neuen Generation von Kunden Rechnung tragen soll. Ich glaube, wir stehen in der Tat an einer Schwelle zur Weitergabe von Vermögen von einer Generation an die nächste. Die neue Generation lebt seit ihrer Schulzeit mit Umweltfragen, was bei ihren Eltern noch nicht der Fall war. Diese bringt neue Erwartungen an die Anlageangebote und -lösungen.

Hier, finde ich, sollte man der Vernunft folgen und sich sagen, dass der Klimawandel eine Realität ist. Extreme Klimaereignisse werden sich häufen und man muss sich daher unabhängig von den Lehren, die man aus der Vergangenheit zieht, konsequent für Klimaziele einsetzen.

Wie hat sich das bei Pictet Asset Management nach ESG-Kriterien verwaltete Vermögen entwickelt?

Im Bereich der ESG-Integration, also im transversalen Bereich, gehen wir davon aus, dass 80 Prozent der von uns verwalteten Vermögenswerte systematisch die ESG-Kriterien einbeziehen. Allerdings je nach Team in unterschiedlichem Ausmass, denn die absolute Homogenität gibt es nicht. Aber unser Programm deckt den grössten Teil der von uns verwalteten Vermögen ab. Bei den Vermögenswerten, die die ESG-Kriterien strikter befolgen, sei es im Rahmen von Themen-, Umwelt-, Best-in-Class- oder Mehrfachausschluss-Ansätzen, haben die von uns verwalteten Vermögen in den letzten zwei Jahren stark zugenommen und Ende April dieses Jahres 18 Milliarden Franken erreicht. Die Ausschlüsse von kontroversen Waffen betreffen hingegen alle von uns verwalteten Vermögen.

Harmonisierung von Reporting und Indikatoren

Wo besteht ihrer Ansicht nach Verbesserungspotenzial in der Asset-Management-Branche?

Noch nie gab es eine derartige Begeisterung für nachhaltige Anlagen sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Es ist trotzdem wichtig, dass sich die Branche insgesamt beim Reporting und der Harmonisierung der verwendeten Indikatoren mehr Mühe gibt, um die ESG-Merkmale der Portfolios zu beschreiben.

„Es ist meiner Ansicht nach besser, annähernd richtig als komplett falsch zu liegen und einige einfache, aber harmonisierte Masszahlen zu bevorzugen.“

Eric Borremans

Beim Reporting gibt es praktisch so viele Standards wie es Verwaltungsgesellschaften gibt. Aus Sicht des Anlegers fällt daher der Vergleich schwer, ob es um den CO2-Abdruck oder andere Indikatoren geht. Meines Erachtens muss man diesbezüglich einige einfache, aber harmonisierte Masszahlen bevorzugen. Das ist jedenfalls besser, als nach perfekten Indikatoren zu suchen, die allzu stark auf Schätzungen oder Annahmen für die Berechnung beruhen. Es ist meiner Ansicht nach besser, annähernd richtig als komplett falsch zu liegen. Schauen wir deshalb, was in der Branche möglich ist.

Es gibt auch eine Vielzahl von nationalen Standards und SRI-Labels, etwa in Deutschland, Frankreich, Österreich, Belgien, Schweden und den Niederlanden. Wenn man will, dass der Anleger die Übersicht behält, muss man hier ein bisschen für Ordnung sorgen. Heute beginnt man allmählich, europäische Labels anzudenken. Ich denke, diese Initiativen gehen in die richtige Richtung. Denn die heutige Vielfalt von Labels ist kompliziert für den Anleger, aber auch für Vertriebsträger und Verwaltungsgesellschaften wie unsere, die die Fonds in mehreren europäischen Ländern anmelden und jedes Mal Anforderungen für Labels erfüllen müssen, die ähnliche, aber stets etwas andere Kriterien aufweisen.

Die schwierige Messung der Wirkung auf die Rendite

Die Ergebnisse akademischer Studien über die Wirkung von ESG-Ansätzen auf die finanzielle Performance waren lange Zeit uneinheitlich.

Es gibt eine Vielzahl von Studien von Akademikern und von Finanzakteuren. Heute zeigen sie tendenziell, dass sich ESG-Faktoren insgesamt weder negativ noch positiv auf die Performance auswirken. Ich meine jedoch, man muss in Bezug auf die hohen Erwartungen an solche Studien realistisch sein.

„Heute zeigen sie tendenziell, dass sich ESG-Faktoren insgesamt weder negativ noch positiv auf die Performance auswirken.“

Eric Borremans

Warum?

Denn wenn man Studien über die vergangenen 10, 15 bis 20 Jahre durchführt, setzt dies voraus, dass man über Qualitätsdaten verfügt. Aber ESG-Daten entwickeln sich weiter und ihre Qualität ist noch uneinheitlich. Je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, desto mehr Probleme findet man entweder bei der Qualität oder bei der Abdeckung. Deshalb sollten wir die Aussagekraft solcher Studien mit Vorsicht beurteilen. Auch deshalb, weil sie Phänomene zum Gegenstand haben, die sich gerade erst herauskristallisieren.

Ich denke da etwa an den Klimawandel, der vor 10 Jahren praktisch keine Folgen für die Wirtschaft hatte: Kohlenstoff hatte keinen oder einen sehr geringen Preis und die extremen Klimaereignisse hatten weder das gleiche Ausmass noch die gleiche Intensität wie heute. Eine Studie über den Klimawandel mit Daten der letzten 20 Jahre kann daher in die Irre führen. Das Phänomen hat sich erst in jüngster Zeit konkretisiert. Der Kohlenstoffpreis steigt nach und nach auf 25 bis 30 Euro pro Tonne. Und erst heute werden Bedingungen geschaffen, damit diese Faktoren einen materiellen Einfluss auf die Leistung der Unternehmen und die Performance der Investmentfonds haben können.

©AGEFI, Interview durchgeführt von Piotr Kaczor, 3. Juni 2019

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