Die Sharing Economy hat nun auch Kameras, Projektoren, Disco-Ausrüstung, Drohnen, Whirlpools und Kajaks erfasst. Drei britische Unternehmer haben die weltweit erste Peer-to-Peer-Plattform mit Versicherungsschutz gegründet, auf der so ziemlich alles ausgeliehen werden kann.

Chaz Englander

Chief Executive
Fat Llama

Braucht wirklich jeder eine eigene Bohrmaschine, oder soll man sich diese einfach ausleihen?

Der Massenkonsum ist zum Gegenstand häufiger Klagen geworden: Die Verbraucher haben heute zunehmend das Gefühl, die letzten Gadgets und neuesten Mobiltelefone kaufen und Autos besitzen zu müssen, die sie im Durchschnitt nur etwa eine Stunde am Tag nutzen. Im Laufe unseres Lebens sammeln wir eine grosse Menge Gegenstände an, die wir mit anderen teilen könnten, doch gab es bis jetzt keinen geeigneten Marktplatz dafür.

Die Sharing Economy wächst von Jahr zu Jahr. Airbnb bietet Hauseigentümern eine Plattform, über die Reisende eine Unterkunft finden können, die oft günstiger als ein Hotelzimmer ist. Bei Zipcar können Mitglieder Fahrzeuge stundenweise mieten, und auf dem Online-Marktplatz eBay kann jeder ganz einfach seine Besitztümer verkaufen. Uber ist eine weitere Plattform, über die Autobesitzer Fahrdienste in einer Stadt anbieten können, und zwar häufig zu geringeren Preisen als gewerbliche Taxis.

Fat Llama ist eines der jüngeren Online-Unternehmen der Sharing Economy und hat einen Marktplatz gegründet, auf dem praktisch alles ausgeliehen werden kann. Die Nutzer seines Angebots sparen einerseits Geld, andererseits werden Ressourcen freigesetzt, weil Gegenstände von mehreren genutzt werden. Airbnb-Gründer Brian Chesky sagte einmal, dass es in Amerika 80 Millionen Bohrmaschinen gebe die durchschnittlich 13 Minuten im Einsatz seien. „Braucht wirklich jeder eine eigene Bohrmaschine?“, fragte er sich.

Die drei Gründer von Fat Llama stellten sich die gleiche Frage, als sie sich mit ihrer ursprünglichen Idee, ein Desk-Sharing-Unternehmen zu gründen, beschäftigten. Ihr Plan war es, Büroräume zu mieten, diese zu renovieren und die Arbeitsplätze dann unterzuvermieten. „Tatsache war, dass wir Werkzeug, Bohrmaschinen, Leitern und Ausrüstungsgegenstände kauften, die wir nach Fertigstellung der Büros nicht wieder verkaufen konnten“, sagt Chaz Englander, Chief Executive. „Wahrscheinlich hätte es diese Gegenstände in dem Gebäude, wo sich die Büros befanden, irgendwo gegeben, aber es gab keine Möglichkeit, sie von ihren Eigentümern auszuleihen – und so entstand die Idee für Fat Llama.“

Der Plan bestand darin, Menschen, die Dinge brauchten, mit anderen Menschen in ihrer Nachbarschaft, die diese Dinge besassen und verleihen wollten, zu vernetzen. Indem sie die Gegenstände auf die Website von Fat Llama stellten, konnten die Verleiher etwas Geld verdienen, während die Ausleiher Geld sparten, weil sie die Gegenstände nicht selbst kaufen mussten. Und wenn beide Parteien nicht weit voneinander entfernt wohnten, nahm die Abwicklung nicht viel Zeit in Anspruch und konnte ausserhalb der Öffnungszeiten von Verleihgeschäften stattfinden.

„Mit unserem Konzept wollen wir dazu beitragen, dass die Menschen nicht alles besitzen müssen.“

Ein digitaler Marktplatz mit Versicherungsschutz

Die drei Co-Gründer kannten sich aus Schul- und Studienzeiten und taten sich 2014 zusammen. Sie alle waren im sogenannten Silicon Roundabout tätig, einem Stadtteil im Osten Londons, in dem viele Technologieunternehmen ansässig sind. Chaz Englander hatte Rechnungs- und Finanzwesen studiert und wollte immer schon für ein Start-up arbeiten. Rosie Dallas ist Grafik-Designerin und als Chief Operating Officer für die Betriebsleitung zuständig. Owen Turner-Major, Chief Technology Officer, ist Software-Entwickler und baute Mitte 2016 die gesamte Plattform von null auf.

Die Idee von Fat Llama ist nicht neu, und andere Start-ups sind in der Vergangenheit damit gescheitert. Was Fat Llama jedoch von anderen unterscheidet, ist der Versicherungsschutz: Alle verfügbaren Leihgegenstände sind bis zu einem Wert von umgerechnet rund 32 500 Schweizer Franken (£ 25 000) gegen Verlust, Beschädigung und Diebstahl durch eine Garantie mit Versicherungsschutz gedeckt. Die entsprechenden Strukturen zu etablieren war sehr zeitaufwendig, denn für die Versicherungsgesellschaften war die Sharing Economy Neuland, und die damit verbundenen Risiken zu quantifizieren, fiel ihnen schwer. Für potenzielle Verleiher jedoch ist eine Versicherung eine grosse Beruhigung, wenn wertvolle Gegenstände verliehen werden.

„Die Versicherungen versichern alles, solange die Zahlen stimmen und sie am Ende einen Gewinn machen“, sagt Englander. „Wir haben uns alle drei zu kleinen Versicherungsexperten entwickelt, um unsere Verhandlungspartner davon zu überzeugen, dass das Geschäft profitabel ist. Gleichzeitig entwickelte Owen einen Algorithmus, der anhand der Art und Weise, wie sich ein Kunde auf unserer Website verhält, das mit ihm verbundene Risiko berechnet. Der Algorithmus funktionierte, und weil er aus Fehlern lernt, wird er immer besser. So konnten wir ein Unternehmen davon überzeugen, uns zu versichern.“

“If you are renting a professional camera, you’re probably a photographer and you’re renting from another photographer.”

„Peer-to-Peer“-Beziehung sorgt für höheres Verantwortungs-bewusstsein

Die Praxis hat gezeigt, dass das Risiko sehr gering ist: Bei 1000 Ausleihungen kommt es vielleicht einmal vor, dass etwas schiefgeht. Die Co-Gründer erklären dies damit, dass die Transaktion zwischen zwei gleichrangigen Parteien (Peer-to-Peer) stattfindet. Dadurch, dass beide Parteien sich treffen, um den Gegenstand auszutauschen, entsteht eine Beziehung zwischen den beiden.

„Häufig teilen sie gemeinsame Interessen: Jemand, der z.B. eine professionelle Kamera ausleiht, ist womöglich Fotograf, ebenso wie der Verleiher. Als Ausleiher reichst du dem Verleiher die Hand, schaust ihm in die Augen und fühlst dich verantwortlich für den ausgeliehenen Gegenstand und willst ihn in gutem Zustand zurückgeben. Beim Peer-to-Peer-Autoverleih in den USA lässt sich dasselbe Phänomen feststellen: Die Schadenquoten sind hier deutlich besser als bei klassischen Autoverleihern wie Hertz oder Avis.“

Die Co-Gründer wollten schon immer etwas Grosses schaffen, und erachten es als sinnvoll, anderen Menschen dabei zu helfen, ihren Besitztümern Mehrwert zu verleihen. „Mit unserem Konzept wollen wir dazu beitragen, dass die Menschen nicht alles besitzen müssen und nur Dinge zuhause haben, die sie täglich brauchen.

„Als Ausleiher reichst du dem Verleiher die Hand, schaust ihm in die Augen und fühlst dich verantwortlich für den ausgeliehenen Gegenstand.“

Geteilte Ressourcennutzung als Weg den Konsum zu reduzieren

Wir denken, dass sich Millennials von der Idee angesprochen fühlen. Sie sind viel umweltbewusster als ältere Generationen und sehen im übermässigen Konsum eine Ursache für die Umweltschäden. Noch interessierter dürften sogenannte Digital Natives sein – sie wundern sich oft darüber, dass eine Online-Plattform wie Fat Llama nicht schon viel früher geschaffen wurde.“

Jetzt, wo das Unternehmen die technischen Abläufe in Grossbritannien im Griff hat, will es in die USA expandieren. Im April 2018 hat Fat Llama sein Geschäft in New York lanciert. Die USA sind Peer-to-Peer-Plattformen gegenüber viel aufgeschlossener, und die Liste der zu verleihenden Gegenstände ist hier viel schneller gewachsen als in Grossbritannien. Das Unternehmen plant weitere Einführungen in anderen Städten der USA wie Los Angeles und San Francisco.

Das Wissen, wie man ein Online-Unternehmen betreibt, haben sich die drei Co-Gründer bei Y Combinator, einem Ausbildungscamp für Start-ups im Silicon Valley, angeeignet. Sie treten damit in die Fussstapfen von erfolgreichen Firmen wie Dropbox, Airbnb und Reddit. Die Unternehmer arbeiteten drei Monate lang intensiv mit einigen der weltweit besten Mentoren daran, ihr Unternehmen so fit wie möglich zu machen und überzeugende Investoren-Pitches zu erstellen. Fat Llama hat seither umgerechnet 13,1 Millionen Schweizer Franken von Investoren eingesammelt, darunter auch Y Combinator und Greylock, eine Risikokapitalfirma von der Westküste der USA, die auch Airbnb unterstützt. Weitere Kapitalgeber sind Atomico, das von Niklas Zennström, einem der Co-Gründer von Skype, geleitet wird, und Blossom Capital, eine in London ansässige Risikokapitalfirma.

„Dass wir das Kapital am Ende unserer ersten 13 Monate einsammeln konnten, beschert dem Unternehmen eine hohe Bewertung und ist Ausdruck unseres Erfolgs. 50 Prozent unserer Kunden sind Menschen, die das Gesuchte in jedem Fall ausgeliehen hätten, und die anderen 50 Prozent Menschen, die Gegenstände ausleihen, die sie sonst bei Amazon, eBay oder anderen Online-Einzelhändlern gekauft hätten.

In den nächsten zehn Jahren rechnen wir damit, dass uns das Internet der Dinge nahezu all unsere Besitztümer online anzeigen wird. Unsere Plattform wird voraussichtlich dazu dienen, all diese Gegenstände online miteinander zu verknüpfen. Die Gegenstände können dann jederzeit ausgeliehen werden, sofern der Eigentümer sie nicht selbst braucht. Dies wird dann zu einem Rückgang des Konsums führen, worüber sich insbesondere die nächste Generation freuen dürfte.“